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Ethik und virtuelles Coaching

Ethik und virtuelles Coaching

Das Verhältnis von Präsenzcoaching (“Face-to-Face“) zu virtuellen Formaten oder Coaching mit modernen Medien[1] scheint sich zu verschieben. Beim Telefoncoaching beobachten wir schon länger, dass z.B. in Nordamerika[2] diese Form einem persönlichen Treffen vorgezogen wird. Im Zeitalter einer zunehmenden Digitalisierung sind neue Formate und Möglichkeiten der Gestaltung von Coaching Beziehungen hinzugekommen. Im Einzel-, Team- oder Gruppencoaching gibt es eine breite und sich rasant entwickelnde Palette von Möglichkeiten im Spannungsfeld von individueller Kontraktgestaltung bis zur standardisierten Programmsteuerung (z.B. Selbstcoaching oder E-Coaching-Tools). Wie sieht es bei diesen „virtuellen“ Formen des Coachings mit der Einhaltung von ethischen Standards aus? Gelten hier die gleichen „Spielregeln“ wie bei klassischen Formaten? 

Wir glauben, dass ethische Standards grundsätzlich für alle Formate im Coaching anwendbar und notwendig sind. Allerdings kommen hier ein paar Besonderheiten hinzu[3]:

  • Coach und Coachee sollten auch im Netz authentisch handeln.
  • Es sollte stets die „Netiquette“ gewahrt werden.
  • Der Coach bewahrt stets die professionelle Distanz bei seinen Aktivitäten im Netz.
  • Aufgabe eines Coaches ist es, den Coachee/Klienten abzuholen und ihn in die Realität zurückzuführen.

Diese Kriterien sind in der Praxis aber nicht immer einfach zu überprüfen, zumal wenn Programme oder teilautomatisierte Prozesse eingesetzt werden. Daraus ergeben sich dann quasi auch ethische Anforderungen an Systeme. Damit ethische Leitlinien nicht zu „zahnlosen“ Verhaltenskodizes oder „bloßen ethischen Vignetten“[4] verkommen, bedarf es im Feld eines sich verändernden Coachings wache professionelle Beobachter, die auf mögliche Gefahren und die Einhaltung ethischer Standards achten. Diese Rolle sollten die Verbände und/oder in Deutschland z.B. der Roundtable der Coachingverbände übernehmen.

Als Beispiele für zusätzliche Herausforderungen bei diesen „virtuellen“ Coachingformaten können die Kriterien „Vertraulichkeit“ oder „Transparenz“ genannt werden, die in vielen Ethikrichtlinien enthalten sind. Zum Beispiel ist Vertraulichkeit ein allgemein akzeptierter Standard, der in klassischen Settings meist über die Vertrauensbeziehung zwischen Coachee/Klient und Coach abgesichert wird. Bei virtuellen Formaten kommen aber hier zusätzliche Fragen dazu: Wo werden die Daten gespeichert.[5] Wer hat (noch) Zugriff auf die Daten? Wie sicher sind die Übertragungswege (z.B. bei der Nutzung von Skype), wie wird in Großgruppenformaten – über den Appell an die Verantwortung der Teilnehmer hinaus - die Vertraulichkeit gesichert?

Bei dem Kriterium „Transparenz“ kann gefragt werden, wie z.B. sichergestellt wird, dass es eine Auftragsklärung und Aufklärung über die Vorgehensweisen, Tools und Rollen[6] gibt? Wie kann ein Klient/Coachee einschätzen, ob es sich um einen professionellen Coach handelt. Wie kann ein Coachee/Klient feststellen, wie der Coach oder Coachinganbieter seine Professionalität sichert? Als Coachee erkundigt man sich hoffentlich im Vorfeld, wem man sich im Coaching anvertraut, wie mit meinen personenbezogenen Daten umgegangen wird (inkl. IP-Adresse, Verschlüsselung, Google Analytics, Cookies etc.).

Wer als Coach virtuelle Formate (zusätzlich oder alternativ) einsetzt, muss sich neben der für das Face-to-Face Coaching üblichen Gesprächs- und Prozesskompetenz zusätzlich eine technische Kompetenz (sicherer Umgang mit der Technologie) und spezifische Kommunikationskompetenzen (z.B. auditive Sensibilität, Netiquette, Umgang mit schriftlicher oder symbolischer/bildhafter Kommunikation) aufbauen[7]. Auch hier ist die ethische Kompetenz des Coaches für die Gestaltung einer professionellen Coachingbeziehung gefragt.

Die Ethikkommission versteht sich auch als professioneller Beobachter dieser Entwicklungen und als Ansprechpartner für Fragen, die ICF-Mitglieder oder Klienten hierzu haben. Wir sind auch daran interessiert zu erfahren, welchen Herausforderungen Coaches/Coachees in diesem Zusammenhang begegnen oder welchen konkreten „Fälle“ für ethische Fragestellungen es gibt.

 

Dr. Michael Fritsch

April 2017

 


  

[1] vgl. Geißler, Harald (2016): Coaching mit modernen Medien. In: Wegener, R./Loebbert, M./Fritze, A. (2016): Zur Differenzierung von Handlungsfeldern im Coaching. Wiesbaden: Springer.

 [2] vgl. ICF Global Coaching Study (2016) (www.coachfederation.de/professionalisierung/global-coaching-study-2016.html)

 [3] vgl. DGFP-Praxispapier (2015) (www.dgfp.de/wissen/praxispapiere/virtuelles-coaching-bilanz-und-orientierungshilfe-4304)

 [4] vgl. De Haan, Erik (2016): Arbeitsfähig bleiben – Balance halten – Einsichten gewinnen, OSC 4.2016, S. 439 ff.

 [5] vgl. z.B. ICF-Standard 11 bzw. 24.

 [6] vgl. ICF-Kriterien 17 – 19.

 [7] vgl. Berninger-Schäfer, E., Kupke, H., Ulmer, A., Wernert, F.(2016). Online-Coaching: Trend und Qualität.In: In: Wegener, R., Deplazes, S., Hasenbein, M., Künzli, H., Uebelhart, B., & Ryter, A. (2016). Coaching als individuelle Antwort auf gesellschaftliche Entwicklungen. Wiesbaden: Springer.


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