International Coach Federation Deutschland

Dominier. Mich. Jetzt. Nicht. Oder: Sexuelle Manipulation im Coaching

Von Harald Berenfänger

Das Schöne an unserem Beruf ist, dass es nie langweilig wird. Immer wieder treffen wir auf Menschen oder Mitglieder unseres Inneren Teams, die wir so noch nicht kannten.

Im Folgenden geht es um eine Begegnung, die mehrere Coaches in letzter Zeit gemacht haben und die geeignet ist für ein paar grundsätzliche Fragen an unseren Berufsstand.

Ich beziehe mich darauf, wie mir und anderen mehrere Kolleginnen diese Begegnungen geschildert haben und schildere von dort aus Gedanken, denen ich beim Nachdenken darüber begegnet bin. 

Mein Text gliedert sich in 3 Abschnitte: Situation – Analyse – Handlungsempfehlung (hier auch als PDF zum Download)

Kurz noch zu meiner Person: Ich bin Harald Berenfänger, Coach in eigenr Praxis in Bonn (www.berenfaenger.com). Auf meiner Website kann man mir anonym Fragen stellen, die ich dann ohne Möglichkeit für klärende Rückfragen öffentlich beantworte. Für meine Antworten schöpfe ich aus dem, was die Fragenden schreiben, was sie nicht schreiben und was sich dadurch in mir zeigt.

Die Situation

Ein Mann meldet sich telefonisch bei einem weiblichen Coach und sagt:

„Guten Tag, mein Name ist von und zu Wieauchimmer. Ich bin ein sehr mächtiger Mann und besitze eine ganze Kette von erfolgreichen Boutiquen in ganz Europa. Ich suche nach einem Coach. Ich bin auch in der Schweiz schon einmal gecoacht worden, und daher suche ich jemanden, dem ich 3.000 Euro in der Stunde bezahlen kann. Mir ist sehr wichtig, dass mein Coach 3.000 Euro die Stunde verdient, nur so bin ich mir sicher, dass ich auch Qualität bekomme. Wissen Sie, es ist auch immer einsam an der Spitze, und daher suche ich jemanden, mit dem ich sprechen kann. Sie können sich das vielleicht vorstellen, wie das ist, wenn man so viel Macht hat. Dabei ist es ein wenig ironisch: Privat bin ich eher ein devoter Mensch.“

An dieser Stelle wird das Gespräch unterbrochen, indem offenbar der Anrufer mit verstellter Stimme sagt:

„Ja, Frau Müller? – Bitte entschuldigen Sie. Ich muss Sie kurz weglegen. Meine Mitarbeiterin will etwas von mir.“

Der Anrufer fährt alsbald fort, offenbar mit etwas räumlichem Abstand zum Telefon:

„Frau Müller, die Kundin kommt in einer Stunde vorbei, um die Louis-Vuitton-Tasche abzuholen für 50.000 Euro!“

Der Anrufer greift wieder zum Hörer und sagt zur Coach:

„Ich hole jetzt meinen Kalender, damit wir einen Termin ausmachen können.“

An dieser Stelle enden die Gespräche meist. Manche legen auf, manche vertagen die Fortführung des Gesprächs. In einem Fall ruft der Anrufer später noch mal an und legt sofort wieder auf, als nicht die Coach drangeht, sondern ihr Mann.

 

Die Analyse

Was sogleich ins Auge fällt, ist die Musterhaftigkeit des Geschehens. Die Anrufe finden wiederholt statt, der Text des Anrufers ist jedes Mal der gleiche, die Angerufenen teilen dasselbe Geschlecht.

Muster geben uns Orientierung auf unsicherem Terrain und bedienen den Wunsch nach Kontrolle unkontrollierbarer Situationen.

Trotz seines betont souveränen Auftretens dürfen wir annehmen, dass sich hier ein Mensch mit großen Unsicherheiten zeigt. Wie, um diesen Gedanken zu verhindern, weist der Anrufer auf seine vermeintliche Macht hin: Er bezeichnet sich selbst und gleich zu Gesprächsbeginn als mächtig, ja sogar als sehr mächtig. Er habe großen finanziellen Erfolg als internationaler Unternehmer und kann sich offenbar ein absurd hohes Beraterhonorar leisten.

Dem Anrufer scheint die Gefahr eines Entlarvt-Werdens – zumindest vorbewusst – bewusst, denn er schiebt sofort eine Begründung für sein Verhalten hinterher: So gehe es ihm darum sicherzustellen, dass er nur mit einem exzellenten Coach zusammenarbeitet – wofür ein hoher Stundensatz ja ein Beweis sein müsse. Außerdem sei er auf der Suche nach jemandem, der ihn verstehe, sprich, der genauso wie er an der Spitze der Pyramide steht – und eine Coach, die diesen Stundensatz verdient, müsse ja ganz oben stehen.

Bis hierhin diente alles der Wegbereitung des eigentlichen Anliegens, und dem Anrufer scheint bewusst, dass sein eigentliches Anliegen ein wenig heikel ist. Also hat er vorgesorgt und verschiedene Versuche unternommen, die Coach für sich einzunehmen: Er hat mit Geld gelockt, er hat geschmeichelt, er hat um Verständnis geworben, er hat sich interessant gemacht, er hat eine rhetorische Frage gestellt.

Dass Klienten ein Thema hinter dem Thema mitbringen, gehört zum Standardwissen von Coaches. Das eigentliche Thema des Anrufers im vorliegenden Fall ist aus meiner Sicht der Wunsch nach sexueller Erregung: Er bezeichnet sich selbst als „devot“. Nicht etwa als unsicher, zurückhaltend, introvertiert oder ängstlich – nein, er wählt einen Begriff, der im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem sexuell konnotiert ist. Diese Interpretation wird durch die Tatsache verstärkt, dass er bei der Auswahl der Coaches, die er anruft, auf deren Geschlecht achtet (als er versehentlich mal einen Mann an die Strippe bekommt, legt er sofort auf).

An dieser Stelle wechselt der Anrufer zudem das Feld eines möglichen Coaching-Prozesses: Weg vom Beruflichen hin zum Privaten. Explizit nennt er den Begriff „privat“, und so wie er das Ganze eingeleitet hat, scheint er auf folgende Reaktion zu hoffen: „Oh, wie aufregend! Da will sich mir ein Mann meiner Lust unterwerfen und mich dafür auch noch horrend bezahlen. Mach ich!“

Tatsächlich aber offenbart sich hier ein weiteres Thema hinter dem Thema: der Wunsch nach Kontrolle. Er möchte als Mann Frauen kontrollieren. Er wartet erst gar nicht ab, ob seine Masche vielleicht verfängt, sondern unterbricht diesen Moment der Wahrheit mit einem Einschub, der die Angerufene in die Warteposition drängt und mit weiteren Beweisen seiner Macht (Potenz) konfrontiert: Er kann sich eine Mitarbeiterin leisten, die ohne ihn hilflos ist, und er hat seht teure Kunden (ebenfalls Frauen).

Im BDSM nennt man ein solches Vorgehen Topping from the Bottom: „Dieser Ausdruck beschreibt den Versuch des Bottoms, den Top durch Manipulation (...) zum Wunscherfüller (Erfüllungsgehilfen) des Bottoms zu machen.“ (Wikipedia „Top (BDSM)“, 11.3.2020).

Nun könnte man einwenden, dass der Anrufer vielleicht nur besonders schüchtern und kommunikativ ungeschickt sei und dass er eigentlich nur ein – wahrscheinlich einsamer – Mann auf der Suche nach Sex ist. Dagegen spricht zum einen, dass er offenbar vermeidet, es zu realen Treffen kommen zu lassen. Zum anderen ruft er eine Coach an – und keine professionelle Domina. Für 3.000 Euro bekäme der die besten, aufregendsten und erfahrensten Profi-Herrinnen der Welt. Aber die ruft er ja gerade nicht an. Er ruft Frauen an, bei denen er durch die Kombination Helferberuf und Gesprächsführung ziemlich sicher sein kann, Irritation, Verunsicherung und Aufgeregtheit hervorzurufen. Emotionen, die er durch die Fernmündlichkeit des Gespräch-Settings und die Ausgefuchstheit seiner Kommunikation gut steuern kann:

Er überfällt, er lockt, er ironisiert, er hält hin, er fordert, er verwirrt, er gibt an, er buhlt um Mitgefühl. Nicht zuletzt bestimmt er Tempo, Inhalt und Tiefe des Gesprächs – wofür ein Coach ein nachgerade perfekter Gesprächspartner ist. All das ist perfekt orchestriert und offenbar jederzeit wiederholbar, also geübt und einstudiert.

Zusammengefasst in klarer Sprache: Hier erregt sich ein Mann an der Verwirrung von Frauen.

 

Die Handlungsempfehlung:

Kurz und knackig: Einfach auflegen. So beiläufig und emotionslos wie möglich. Danach die Nummer sperren.

Ja, das Anliegen bestimmt der Klient, und Coaches müssen es nicht verstehen oder gar mit ihm konform gehen. Aber erstens hat der Anrufer gar kein Thema genannt, und zweitens besteht keine Verpflichtung, das Thema hinter dem Thema hinter dem Thema zu ignorieren, insbesondere dann nicht, wenn wir als Coaches Teil des eigentlichen Themas würden. Schließlich hat der Anrufer keinen Auftrag erteilt oder auch nur angedeutet, dass er nach Hilfe suchte, die sein Vorgehen künftig unterbindet.

Diese Begebenheit könnte eine Erinnerung an uns Coaches sein, unsere achtsame Wahrnehmung für uns selbst zu reflektieren:

  • Erkennen wir, wenn uns unser Gegenüber unangemessen manipulieren will?
  • Wie lange dauert es, bis wir das erkennen? Erkennen wir es aus eigener Kraft?
  • Wie gut ist unsere Fähigkeit ausgeprägt, nicht nur unserem Gesprächspartner zuzuhören, sondern parallel auch auf unsere eigenen Empfindungen zu achten und diese zu hinterfragen?
  • Wo bedient ein solcher Anrufer mögliche Glaubenssätze wie: „Ich muss helfen“ oder „Ich will retten“?
  • Was hindert uns eventuell daran, einen solchen Manipulationsversuch durch Auflegen einfach zu beenden? Und was hat das mit uns selbst zu tun?
  • Wie gut kennen wir unsere eigenen sexuellen Wünsche, Grenzen und Unsicherheiten?
  • Wie sicher können wir unsere Sexualität schützen bzw. dafür sorgen, dass unsere persönlichen sexuellen Trigger und oder Vorlieben (z.B. Macht) nicht unser Handeln als Coach beeinflussen?
  • Wie gut ist unsere Sprach- und Analysefähigkeit ausgebildet? Bei wem oder bei welchen Themen stoßen wir an Grenzen?
  • Bleibt etwas übrig im Sinne von „Ich fühle mich beschmutzt/beschämt“ oder „Ich bin schuld“. Was bräuchte es, um das zu auflösen?
  • Schließlich auch: Was können wir tun, um solchen Menschen Einhalt zu gebieten? Erstatten wir Strafanzeige? Wie durchbrechen wir ihren Schutzwall aus Anonymität, Einzelgespräch und Überraschungstaktik? Und was hindert uns ggf. daran?

Hart in der Sache, liebevoll zum Menschen. Ich muss nicht jeden mögen, aber ich kann jeden lieben. Als Coach nehme ich mein Gegenüber wie er ist. Ich respektiere ihn als Menschen wie mich. UND ich setze dort Grenzen, wo sein respektloses Verhalten meine eigenen Grenzen verletzt. Beides zugleich.

Auch diese Ambivalenzen machen unseren Beruf so spannend.

Text: Harald Berenfänger        Foto: Pixabay

 


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