International Coach Federation Deutschland

Ethik

Susanne Heinen / pixelio.de.

Ist es möglich Verwandte und Freunde zu coachen?
Dr. Harriet Kretschmar

Angeregt durch eine Anfrage, die uns als Ethikkommission vor einiger Zeit erreichte, möchten wir uns in diesem Beitrag obengenannter Frage vor dem Hintergrund der ICF-Coaching-Definition und Ethikrichtlinien widmen:

Dreh- und Angelpunkt ist die Klärung, welches Mindset und welche Tätigkeit genau mit dem Begriff „coachen“ verbunden werden. Dies erinnert auch an die in der Fachwelt diskutierte Frage: Kann eine Führungskraft seine/ihre Mitarbeiter coachen?

Die ICF definiert: „Coaching is partnering with clients in a thought-provoking and creative process that inspires them to maximize their personal and professional potential.” Diese Definition allein hilft für die Frage noch nicht wirklich weiter, es sei denn man versteht unter “Partnering” Augenhöhe ohne gegenseitige systemische Abhängigkeiten und definiert „client“ als eine Rolle, die Angehörige (oder Mitarbeitende) nicht wirklich einnehmen können, sowie dass “inspirieren” nicht bedeutet Ratschläge und Trainingspläne auszugeben.

Eine weitere Spur könnte in der Definition einer professionellen Coaching Beziehung liegen: “A professional coaching relationship exists when coaching includes an agreement (including contracts) that defines the responsibilities of each party”. Hier wird klar, dass “coachen” mehr ist als Gespräche am heimischen Küchentisch. Und dennoch wäre es nach dem Bisherigen immer noch möglich zu sagen: „Wir haben das alles genau abgesprochen und sogar einen schriftlichen Vertrag mit Zielvereinbarung, Rollenklärung und Projektdauer gemacht.“

Vielleicht hilft ein Blick in die ICF-Ethik-Standards:

Unter Abschnitt 1 „Professionelles Verhalten im Allgemeinen“ heißt es in der Nr. 8: „Als Coach werde ich mich jederzeit darum bemühen persönliche Themen zu erkennen, die meine Coaching-Leistung…beinträchtigen, ihnen schaden oder in Konflikt geraten können“. In einer Partnerschaft oder Freundschaft hat man eine Menge „persönlicher Themen“. Es wäre eine Hybris zu glauben, man könnte diese für den Coaching-Prozess ausblenden, allein da man eine Menge subjektiv gefärbtes Hintergrundwissen hat: „Ja, ja jetzt redet sie wieder wie ihre Mutter.“

Im Abschnitt 2 „Interessenskonflikte“ lautet es in Nr. 13: „Als Coach werde ich jegliche Interessenskonflikte vermeiden, sowie derartige Konflikte offen und aufrichtig besprechen mit dem Ziel diese zu bereinigen. Dies kann auch die Beendigung der Coaching-Beziehung bedeuten.“. Oder, dass diese gar nicht beginnt: Der Partner möchte sich beruflich umorientieren. Das Coaching-Ziel lautet: Ich habe eine Entscheidung über meine berufliche Zukunft getroffen. Im Laufe des Prozesses stellt die coachende Ehefrau fest, dass mit dieser Entscheidung weniger Geld in die Familienkasse käme und dies für sie Mehrarbeit bedeuten würde, was sie aber nicht möchte: ein klarer Interessenskonflikt.

Im Abschnitt 3 „Professionelles Verhalten mit Klienten“ beschreibt Nr. 21: „Als Coach werde ich jegliches sexuelle oder romantische Verhältnis mit aktuellen Klienten…vermeiden“. Was aber, wenn ich als ausgebildete Ernährungsberaterin mit meinem Partner ein Ernährungscoaching vereinbart habe? Es wäre doch unsinnig diese Kompetenz bei beiderseitigem Einverständnis nicht in die Beziehung einzubringen. Hier bekommt Coaching wahrscheinlich einiges an Beratungsanteilen (und ist es dann noch Coaching?), von Interessenskonflikten ganz zu schweigen: „Ein schlanker Partner ist für mich noch viel attraktiver.“ Das Partnerschaftliche auf Augenhöhe kommt ins Schwanken., wenn eine Experten-Rolle im Spiel ist. Und ein „Ich-vermeide-jetzt-mal“ bis das Coaching-Ziel erreicht ist, wäre der Partnerschaft wahrscheinlich nicht zuträglich…

Fazit: Wir gehen also davon aus, dass man seinen Partner oder seine Freundin im Sinne eines professionellen Executive oder Life-Coachings nicht coachen kann (und auch nicht sollte), da es an der nötigen Distanz fehlt und die Beteiligten zu sehr Teil eines Systems sind.

Es ist hingegen sicher sehr förderlich mit einer entwicklungsorientierten, von den Ressourcen der Gegenüber überzeugten Grundhaltung aufmerksam zuzuhören und sinnstiftende Dialoge zu führen, als leider immer noch zu wenig verbreitete Sozialkompetenz ohne das gleich als professionelles Coaching zu betiteln.

Wie würden Sie die Frage beantworten? Nehmen Sie per mail Kontakt mit uns auf: ethikkommission@coachfederation.de. Wir sind erste Ansprechstelle für Fragen, Beschwerden und Anregungen zu Ethik-Themen. Bei Bedarf arbeiten wir mit der internationalen Ethikkommission, dem International Review Board (IRB) zusammen.

Mit herzlichen Grüßen

für die Ethik-Kommission,

Dr. Harriet Kretschmar.

 

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