International Coach Federation

Ethik im Coaching – viel komplexer als viele Coaches vermuten

Über die umfangreiche Überarbeitung des Code of Ethics (CoE) der ICF sind schon verschiedene Artikel im ICF-Deutschland-Newsletter erschienen. Auf dieser Seite sind sie noch abrufbar.

In der vergangenen Woche wurde jetzt der nächste Meilenstein erreicht. Die „Ethical Interpretive Statements“ (EIS) wurden in der ersten Fassung veröffentlicht. Hintergründe zur Entstehung und zur praktischen Bedeutung dieser Statements sind im Folgenden beschrieben.

Bei der Überarbeitung des Code of Ethics wurden vom 24köpfigen Arbeitsteam sehr viele Anregungen und Fragestellungen diskutiert. Das erklärte Ziel, kurze und knapp formulierte Standards zu beschreiben erforderte dann eine Verdichtung auf die wesentlichen Leitgedanken. Das gesamte restliche Material enthielt aber viele wertvolle Gedanken, die den ICF-Professionals in geeigneter Form zur Verfügung gestellt werden sollten.

Eine Arbeitsgruppe aus 7 ICF-Professionals, die schon am Code mitgearbeitet hatten, nahmen die Arbeit an den „Ethical Interpretive Statements“ (EIS) auf.

Unter der Leitung von Michael Marx, USA, investierten Jürgen Bache aus Deutschland, Gürkan Sarioglu, Türkei, Anita Gupta, Indien, Michael Brazzel, USA, Jose Manuel Estrada, Argentinien, und Monique Betty, USA, jeweils nochmals ca. 100 Stunden in diese Arbeit.

© Foto: abgebildete Personen

 

Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Mit den EIS stellt die ICF nun allen ICF-Professionals und Interessierten außerhalb der ICF ca. 150 Impulse zur Verfügung, die die Bandbreite der im CoE formulierten Standards aufzeigt und gleichzeitig die Anforderungen aus dem CoE konkretisiert.

Bei der Verinnerlichung des CoE bietet es sich an, alle EIS in der Hinsicht zu überprüfen,

  • ob sie das individuelle mindset als Coach stärken und für das eigene Business relevant sind,
  • ob sie gelebte Stärken hervorheben, die das eigene Marketing unterstützen könnten,
  • ob sie möglicherweise auf vorhandene Schwachstellen oder unbeantwortete Fragen hinweisen oder
  • ob sich Widersprüche und Interessenskonflikte zwischen dem CoE und der eigenen gelebten Praxis ergeben

Auch für die Coach-Aus- und Weiterbildung sind die EIS hervorragend geeignet.

Fünf Teammitglieder sind gleichzeitig auch Mitglieder des IRB. Daher wurde als ein besonders wichtiges Ziel auch die Prävention hinsichtlich möglicher Beschwerden gegen ICF-Professionals angestrebt. Werden die EIS beherzigt, dürften kaum noch Beschwerden erfolgen, die auf Unkenntnis oder Fahrlässigkeit beruhen. Bei der Bearbeitung zukünftiger Beschwerden werden daher nicht nur der verbindlich einzuhaltende CoE sondern auch die Empfehlungen aus den EIS berücksichtigt.

Die EIS wurden zwar in einer ersten Fassung vom 15.07.2020 auf der ICF-Global Webseite eingestellt, sie sind aber als ein lebendiges Dokument zu verstehen. Das bedeutet, dass relevante Entwicklungen auf dem Coachingmarkt, technische Weiterentwicklungen oder Fragen und Anregungen aus dem Kreis der ICF-Professionals sowie die Auswertung der beim IRB eingegangenen Beschwerden in die EIS eingearbeitet werden. Aktuell wird von Ergänzungen im halbjährlichen Abstand ausgegangen.

Die Praxis hat jetzt schon gezeigt, dass die EIS auch wiederum zur Diskussion anregen und sie hinterfragt werden. Das ist ausdrücklich erwünscht denn der fachliche Austausch der Coaches untereinander ist ein wichtiger Schritt in Richtung „living ethics“, der selbstverständlichen Integration der Coachingethik in den Alltag.

Diskussionen finden in den bereits beschriebenen Foren in Videocalls oder basecampchats statt. Fragen und Anregungen werden idealerweise direkt an ethics@coachfederation.org oder aus dem deutschsprachigen Raum direkt an juergen.bache@t-online.de gesandt. Zur Klärung individueller Fragen bieten sich der monatliche Zoom-Call „Coachingethik - Gespräche zu einem Basisthema“ an. Eine Anmeldung unter diesem Link ist erforderlich, um die Einladung zu der kostenfreien Veranstaltung zu bekommen.

Aktuell wurden gerade 9 Videostatements von Mitgliedern des Reviewteams zum CoE und den EIS in englischer Sprache mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen auf der ICF-Webseite bereitgestellt.

Um einen Vorgeschmack auf den Umfang der EIS zu geben und zur Auseinandersetzung anzuregen, sind im Folgenden die EIS zu Standard 7 als Beispiel aufgelistet (da die Übersetzung noch in Arbeit ist, in englischer Sprache):

 

Standard 7

Section I – Responsibility to Clients

As an ICF Professional, I maintain, store and dispose of any records, including electronic files and communications, created during my professional interactions in a manner that promotes confidentiality, security and privacy and complies with any applicable laws and agreements. Furthermore, I seek to make proper use of emerging and growing technological developments that are being used in coaching services (technology-assisted coaching services) and be aware how various ethical standards apply to them.

 

Ethical Interpretive Statement to Standard 7

  • Many coaches keep written, spoken, electronic or otherwise made records of the content and progress of their coaching sessions. The careful handling and retention of these records in the broadest sense of protecting this information and thus the identity of the client and the sponsor, are the subject of this standard.
  • Records are all documents created in connection with the coaching process. This includes, but not limited to, written notes, files, audio or video notes, entries in support databases or tools (e.g. for customer administration etc.).
  • Data protection must be ensured in particular when using technical services/tools of any kind. The constant technological development of these tools / platforms requires vigilance and, if necessary, actions by the coach.
  • ICF Professionals should make sure, that they know the details of local law and should establish the choice legal venue for the contract.
  • Data protection must be ensured when using the client’s / company’s own infrastructure.
  • ICF professionals, should take appropriate security precautions when using electronic communications such as e-mails, online mail, online chat sessions, mobile communications and text messages, such as encryption, firewalls with passwords, etc.
  • The client is to be informed about the fact of the written, electronic or otherwise made recordings and their protection, but not about their content. The client’s consent must be obtained before audio or video recordings are made. This also applies to the use of artificial intelligence devices that automatically record the sound in a room (e.g. Alexa, Siri, etc.).
  • When using external service providers, it must be checked whether the handling of data and information (general standard terms and conditions) by this service provider matches the ICF’s ethical requirements.
  • Should unauthorized persons have access to client data or information despite all preventive measures, the clients must be informed immediately.
  • The ICF Professional should be aware that the use of social media and the information they leave behind might also be seen by potential clients and might influence the coaching process.
  • ICF Professionals should avoid posting any identifying or confidential information about their clients on professional websites or other forms of social media.
  • Careful handling of records is important at the end of a coaching process when records are destroyed. Written documents should be shredded if possible. There are deletion programs for all types of electronic data which largely prevent reconstruction. It is expected that effort is made towards deletion of such data especially when data storage devices are discarded or passed on.

 

Stimmen Sie diesen Aussagen zu, was möchten Sie ergänzen, was sehen Sie anders?

Wir freuen uns auf Diskussionsbeiträge in den Foren und Ihre Meinungen in den Diskussionsrunden.

Jürgen Bache, Mitglied im IRB

 

[Text: Jürgen Bache   Bild:Depositphotos]

 


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