International Coach Federation Deutschland

Checkliste digitale Coachingplattformen

 

Abstract:

Im Rahmen der Diskussion über die Digitalisierung der Coachingbranche haben sich Vorstand und Mitglieder des ICF Deutschland, Teilnehmende einer Virtual Education und die Ethikkommission des ICF Gedanken darüber gemacht, welche Fragen Coaches den Plattformen stellen können, mit denen sie zusammen arbeiten wollen. Dabei ist eine Checkliste entstanden, die Unternehmen und vor allem jede/r Coach nutzen kann, um bei der Auswahl von und der Zusammenarbeit mit Coachingplattformen besser vorbereitet zu sein. In zukünftigen Artikeln werden wir uns auch als Verband weiterhin zu dieser Fragestellung positionieren.

Artikel:

Die Zielsetzungen, warum Sie als Coach oder Coachee an eine Coaching-Plattform herantreten, können vielfältig sein: Sie sind vielleicht am Anfang Ihrer Coachingreise und wollen schneller im Markt Fuß fassen. Sie sind eventuell an speziellen Zielgruppen interessiert und versprechen sich von der Zusammenarbeit mit einer Plattform eine bessere Durchdringung Ihres speziellen Marktes. Vielleicht streben Sie auch eine Zertifizierung an und versprechen sich in kürzerer Zeit mehr nachweisbare Stunden für dieses Vorhaben. Unabhängig von Ihrer persönlichen Motivation für eine Kooperation mit einem digitalen Coaching-Pool Anbieter bzw. einer Coaching-Provider-Plattform möchten wir Ihnen mit diesem Artikel eine Handreichung bieten, welche Fragen Sie sich stellen und  welche Punkte Sie bedenken sollten, wenn Sie vorhaben, mit einer Coaching-Plattform (weiter) zu arbeiten.

Zur Abgrenzung: Wir werden im Folgenden über Coaching-Plattformen sprechen, die aktive Kundenakquise betreiben und auf denen Coaches und Klienten vermittelt werden, so dass auf der Plattform gecoacht wird. Es geht nicht um digitale  Werkzeuge für das Online-Coaching.

Thomas Bachmann (PCC, Mitglied der ICF Ethik-Kommission) hat einen grundlegenden Artikel „Ethik und digitale Coaching-Plattformen“ verfasst, auf den ich gerne verweise. Viele der dort angesprochenen Aspekte und auch die von der Ethikkommission gesammelten Rückmeldungen dazu  sind in diese Checkliste eingeflossen, auch Doris van de Sand (MCC, ebenfalls Mitglied der ICF Ethik Kommission) ist Mit-Verfasserin der Checkliste. Als Mitglied im Vorstand des ICF Chapter Germany vertrete ich die Auffassung, dass Dialog mit den Anbietern auch von uns als Verband gepflegt werden soll. Wir streben daher u.a. Kooperationen an, um mit den Anbietern in Kontakt zu kommen, die verschiedenen Sichtweisen darzulegen und den Markt aktiv mitzugestalten. Bitte halten auch Sie zu uns Kontakt und bleiben Sie im Dialog, den wir ja vor kurzen in einer Virtual Education Reihe begonnen haben. Auch die dort gegebenen Impulse für Coaches sind eingearbeitet. 

Zweck dieses Artikels ist es, Ihnen als Coach oder als Kundin eine Checkliste zu geben, die relevante Punkte für Sie zusammenfasst und die Sie auf den Webseiten der Betreiber und spätestens in einem Interview abklären können. Die Abschnitte der Checkliste sind: Auswahlprozess der Coaches, Klientinnen und Markt, Coaching-Prozess, Medien und Technik, Evaluation. Zuvor einige erläuternde Bemerkungen zu den Abschnitten.

Auswahlprozess

Einige Plattformen veröffentlichen im Detail, wie sie Coaches auswählen und auf die Plattform bringen, andere wiederum halten diesen Prozess völlig intransparent und Sie finden dazu erst in einem persönlichen Gespräch Antworten. Unabhängig davon, wie Sie vom Auswahlprozess erfahren, sollten sie für sich überprüfen: Ist der Prozess, den sie dann selber mitmachen, übereinstimmend mit dem, was sie über das Auswahlverfahren gehört und gelesen haben? Wie wertgeschätzt fühlen Sie sich, was sagt das über die zukünftige Zusammenarbeit?

Einige Plattformen arbeiten, zumindest laut eigener Aussagen, nur mit erfahrenen Coaches zusammen. Sie sind als Coach, das sollte Ihnen bewusst sein, in Konkurrenz mit diesen auf der Plattform. Können Sie daher im ganz klassischen Sinne eine Mitbewerberanalyse machen? Welches ist das Erfahrungs- und Qualitätsniveau der Coaches? Gehören alle Coaches einen professionellen Berufsverband an? Sie können gar nicht erkennen, ob diese Coaches in einem Verband organisiert sind? Befinden Sie sich in einem Pool von ausschließlich zertifizierten Coaches? Was davon können Ihre potentiellen Kunden sehen, wie detailliert ist das Profil, das Sie einreichen können?

Klientinnen und Markt

Wenn Sie die Webseite der Coaching Plattform betrachten, was denken Sie, wer sind typische Kunden und Kundinnen dieser Plattform? Sind es Unternehmen oder Einzelpersonen? Sie finden bestimmt Angaben und Referenzen auf der Webseite. Passen die Firmen zu Ihnen und wollen sie für diese arbeiten? Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie Ihr eigenes Marketing aufgestellt haben, wie finden Sie hier Ihre Zielgruppe? Jede Plattform hat vermutlich so etwas wie eine Philosophie, eine Vision und Mission. Betrachten Sie diese und überlegen Sie, inwieweit diese zu Ihnen passt und ob Sie sich damit identifizieren können..

Sie vereinbaren mit Ihren Kunden normalerweise individuelle Coachingverträge. Bedenken Sie, dass Sie, wenn Sie mit einer Plattform zusammenarbeiten, dann mit einem Unternehmen einen Vertrag schließen. Prüfen Sie daher Stornoregelungen aller Beteiligten, Kundenschutz und Exklusivitätsvereinbarungen. Wie sieht es mit den Urheberrechten aus, wenn Sie für Ihren Klienten Material erstellen? Natürlich geht es auch um Geld, daher macht es Sinn, genau hinzusehen, ob Ihre Honorare immer gleich, flexibel oder anpassbar sind. Zahlen Sie eine Vermittlungsprovision? Wird diese direkt, indirekt, pro Coachingstunde abgerechnet - und wissen Sie, wie hoch diese ist?

Für uns Coaches das Wichtigste: Der Coaching-Prozess

Sie werden vieles von dem, was Sie als „freier“ Coach machen, auch auf den Coaching-Plattformen wiederfinden, meist jedoch werden Sie sich als „regulierter“ empfinden. Viele Anbieter schlagen eine bestimmte Anzahl von Sitzungen in einer immer gleichen Länge vor. Inwieweit können Sie das verändern? Gibt Ihnen die Coaching-Plattform eine ganz bestimmte Vorgehensweise für Ihr Coaching vor? Und bevor das alles losgeht, wie sind Sie in das „Matching“ mit den Coachees eingebunden? Von klassischen Coach-Pools in Unternehmen kennen Sie es, dass der Klientin drei Coaches vorgeschlagen werden, mit denen sie ein Gespräch führt und sich danach entscheidet. Lassen Sie sich informieren, wie der Auswahlprozess der Plattform funktioniert, wieviel und was von Ihnen dargestellt wird, ob z.B. die Klientin Ihre Zertifizierungen sehen kann und was Sie in einem Profil angeben können.

Auch die Dokumentation des Prozesses wird ganz unterschiedlich gehandhabt. Einige Coaches lassen Klienten dokumentieren, andere wiederum dokumentieren selbst und stellen das nach der Sitzung zur Verfügung. Wie läuft das auf der Plattform? Wem gehört die zusätzlich zur Verfügung gestellte Dokumentation, wenn Sie z.B. Hintergrundinformationen oder Arbeitsblätter zur Verfügung stellen?.

Ganz am Schluss wird abgerechnet. Legen Sie für sich fest, was Sie an Abrechnungsmodellen haben wollen (je Sitzung, pro Monat, pro Klientin, über alle Klientinnen hinweg, pro Unternehmen) und ob Sie mit diesen Modalitäten auf längere Sicht so arbeiten möchten. Erfahrungsgemäß sind alle Plattformen daran interessiert, möglichst wenig individuelle Vereinbarungen zu haben, manche haben gar nur Standardverträge, die Sie entweder akzeptieren oder auf eine Zusammenarbeit verzichten müssen.

Medien und Technik

Worin sich die Plattformen erheblich unterscheiden, sind die technischen Möglichkeiten, die sie zur Verfügung stellen. Einige bieten nur eine Videomöglichkeit an, andere bieten digitale Kollaborationsmöglichkeiten, wie Whiteboards, zur Verfügung. Können Sie, in Absprache mit Ihren  Klienten, eine Coachingsitzung für sich zur eigenen Qualitätssicherung aufzeichnen und Sie Ihrer Klientin zur Verfügung stellen? Besteht für die Plattform die Möglichkeit, die Sitzung mitzuschneiden, kann die Sitzung später noch angesehen werden, was ist offline zur Verfügung? Prüfen Sie auch die Terminvereinbarungsmöglichkeiten, wie die Einbindung Ihres online-Kalenders: Wie flexibel können Sie Ihre Verfügbarkeiten angeben? Können Sie das überhaupt selbst eintragen?.  

Evaluation

Am Ende der Sitzung, dazwischen und am Schluss des Coachings wird in der Regel evaluiert. Eventuell müssen Sie sich hier auch umgewöhnen, und die Mittel der Plattform nutzen. Stellen Sie für sich klar, wer die Evaluation sehen darf, wer mitredet, was Auftraggeber, Plattform, Klientinnen und Sie davon sehen dürfen. Erhalten Sie selbst regelmäßig Rückmeldungen, die von der Plattform über Ihr Coaching erhoben wurden?

Ein persönliches Wort am Schluss

Als ich vor über 25 Jahren meine erste Coachingausbildung in den USA über Telefon und Internet anfing, dachte ich nicht, dass es so lange dauern würde, bis auch in Deutschland die Digitalisierung im Coaching Einzug hält. Für mich war es normal, dass man nur mit Telefon eine Coaching Sitzung abhalten kann und dazwischen E-Mail und digitale Anhänge nutzt. Das durfte ich dann erst in den letzten Jahren wieder tun, zwischenzeitlich war ich mehr in IT-Change Projekten vor Ort und face-to-face unterwegs. In der Zeit der Covid-Pandemie haben wir erlebt, dass Veränderung und Transformation manchmal ganz schön schnell gehen, vorbei war das persönliche Treffen und die Sitzung vor Ort.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrer persönlichen Reise in der digitalisierten Welt, lassen Sie uns in Kontakt bleiben und gemeinsam im Verband die Zukunft des Coaching mitgestalten. Wir brauchen Sie!

Ihr und Euer Richard Grillenbeck

 

 

Checkliste / Fragen an die Digitale Coaching Plattform

Auswahlprozess und Coaches

  • Ich kenne den Auswahlprozess der Plattform (Gespräch & öffentlich auf Webseite)
    • Der Prozess, den ich mitmache, stimmt mit der obigen Version überein.
  • Das Erfahrungs- und Qualitätsniveau der Coaches sind mir transparent gemacht worden.
    • Coaches gehören einem professionellen Berufsverband an
    • Coaches müssen durch einen Verband zertifiziert sein
    • Die Plattform arbeitet auch mit Berufseinsteigern
    • Coaches in Ausbildung sind auf der Plattform zugelassen

Klientinnen und Markt

  • Ich kenne die „typischen“ Klienten der Plattform und möchte mit ihnen arbeiten
  • Wird von den Plattformen etwas versprochen? Kann ich es mittragen?
  • Wie aktiv bearbeiten die Plattformen den Markt?
    • Wo nehme ich die Anbieter wahr?
  • Wie wird das Coaching in Organisationen angeboten?
  • Wie werden Ziele oder Schwerpunkte mit der Organisation vereinbart?
    • Wie kann ich als Coach damit umgehen?
    • Gibt es Erfolgskriterien?
  • Woran genau verdient die Plattform Geld?
  • Welche Honorare werden mir gezahlt?
    • Bekomme ich immer dasselbe Honorar?
    • Wird jeweils neu verhandelt?
  • Vertragsgestaltung
    • Stornoregelungen für Klientinnen sind  für mich ok
    • Stornoregelung für Coaches sind für mich ok
    • Kundenschutz, Exklusivitätsvereinbarungen etc. sind für mich ok
    • Rechte an eigenen Materialien sind für mich  ok
    • Mein Anwalt und ich haben den Vertrag geprüft. ok
  • Wie transparent sind die internen Prozesse?
  • Wie werden die Datenschutzrichtlinien eingehalten und sichergestellt?
  • Welche Daten werden gesammelt und wie werden diese monetarisiert?

Coachingprozess

  • Wie werden Coach und Klientin gematcht?
  • Kann der Klient sehen, ob ich eine Zertifizierung habe? Was ist sonst noch sichtbar?
  • Gibt es ein plattforminternes Ranking der Coaches? Nach welchen Kriterien?
  • Wie werden die Coaches vorgeschlagen / gerankt? (Kriterien für den Algorithmus bekannt?)
  • Wie viele Sessions, welcher Länge, in welchen Abständen sind geplant?
    • Kann ich diese Vorgaben variieren?
  • Was kann / muss dokumentiert werden? Wer bekommt Einsicht in die Dokumentation?
  • Wie wird evaluiert?
  • Wie wird mit Absagen von Klienten umgegangen? Wie hoch ist mein Ausfallhonorar?
  • Was passiert, wenn ich Termine absagen muss? Muss ich dann eine Vertragsstrafe zahlen?
  • Welche Informationen bekommen die beauftragenden Organisationen?

Medien und Technik

  • Gibt es nur videobasiertes Coaching oder auch andere Kanäle? Gibt es auch face-to-face Varianten?
  • Wie vertraulich sind die Gespräche? Wie wird Vertraulichkeit sichergestellt?
  • Welches Monitoring der Coachinggespräche gibt es durch die Plattform?
  • Welche Tools bietet die Plattform zusätzlich (Whiteboard, Kalender, Aufgaben etc.)?
  • Welches Monitoring der Dokumentation gibt es?

Evaluation

  • Durch wen erfolgt Evaluation?
  • Erfolgen die Bewertungen anonym?
  • Wie und was wird bewertet?
  • Wer kann die Bewertung einsehen? Kann ich sie auch einsehen?
  • Erfolgt die Evaluation / Bewertung auf Basis wissenschaftlicher Standards?
  • Gibt es eine Möglichkeit, über die Bewertungen zu sprechen?

 

Autor: Richard Grillenbeck, PCC.
Redaktionelle Mitarbeit: Thomas Bachmann, PCC, Doris van de Sand, MCC – beide ICF Ethikkommission.

Foto von Marissa Grootes auf Unsplash

 

 


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