International Coach Federation Deutschland

Ethik & digitale Coaching-Plattformen

Unaufhaltsam verändern wir durch die Digitalisierung alle Bereiche unseres menschlichen Lebens. Auch im Coaching sind diese Entwicklungen abzusehen oder bereits spürbar. Raum und Zeit zu überwinden, neuen Zielgruppen Coaching zu ermöglichen und mit neuen Tools Lernen und Veränderung nachhaltiger zu gestalten, sind unbestrittene Chancen, die durch diese Entwicklungen eröffnet werden.

Die Möglichkeiten, welche die verschiedenen digitalen Coachingplattformen und -tools bieten sind attraktiv und sinnfällig. Viel Zeit und Geld lässt sich sparen.

Warum durch die halbe Stadt fahren, wenn der Coach auch per Videochat zu mir ins Büro kommt? Wieso sollte ich eine eigene Internetpräsenz aufbauen und mühselig Kunden akquirieren, da ist es doch viel einfacher, einer Plattform beizutreten und darüber an seine Kundschaft zu gelangen? Und warum sich selbst ein Urteil über einen Coach bilden oder andere fragen, wenn es doch Plattformen gibt, die Coaches bewerten? Und wie einfach kann Coaching durch digitale Tools sein? Kein Flipchartpapier mehr schleppen, kein Ärger mehr mit Stiften, die leer sind. Wo habe ich denn heute die Aufstellungsfiguren gelassen?

Kurz mal einen Persönlichkeitstest beantworten und auswerten? Kein Problem. Und die Hausaufgaben? Schnell ist alles dokumentiert und man kann seinen Klienten auch noch automatisch Erinnerungen schicken? So wird Veränderung wirksam unterstützt. Und warum sollte Coaching nur Menschen vorbehalten sein, die essich leisten können oder es als Führungskraft von ihrer Firma bezahlt bekommen?

Wie einfach ist doch der Zugang über eine Plattform, die auch noch viel günstiger Coaching anbieten kann, als ein einzelner Coach? Und es ist so effizient. 30 oder 45 Minuten reichen aus für eine Coachingsitzung, das können die Plattformbetreiber mit ihren Erfolgsdaten belegen.

Auch für HR-Verantwortliche gestaltet sich der Alltag zunehmend einfacher: Einen eigenen Coachpool aufbauen, Coaches auswählen, Profile anlegen, Klienten und Coaches matchen, Coachingprozesse etablieren und evaluieren? Wie einfach ist es dagegen, ein Coachingkontingent bei einer Coachingplattform einzukaufen? Und schon kann jeder in der Firma, der dafür vorgesehen ist, Coaching bekommen. Und die Qualität? Kein Problem. Die Plattformen arbeiten ja mit den führenden Coachingverbänden eng zusammen.  

Auf der anderen Seite zeichnen sich bereits jetzt durch den Einfluss von digitalen Coachingplattformen, Algorithmen und künstlichen Intelligenzen Entwicklungen ab, die kritisch beleuchtet werden müssen. Aspekte der professionellen Unabhängigkeit und Transparenz, Freiwilligkeit und Autonomie, Individualität, Methodenvielfalt und Qualität, Vertraulichkeit, Vertrauen und Datenschutz sowie grundlegende humanistische Werte wie Ganzheitlichkeit, Willensfreiheit und Würde stehen hier ganz oben auf der Tagesordnung, wenn es darum geht, diese Entwicklung aus Sicht der Profession Coaching mitzugestalten.

Im Folgenden möchte ich drei Aspekte hervorheben, die durch die zunehmende Digitalisierung von Coaching an Bedeutung gewinnen:

1. Die Veränderungen des Coachingmarkts,

2. Vertrauen und Datensicherheit und 3. Die

Rolle der professionellen Coaching-Community.

Alle Internetplattformen funktionieren nach dem gleichen Grundprinzip: „From pain to gain!“: Gibt es irgendwo in einem Marktsegment eine Lücke, die zu schließen einem Kunden Mehrwert bringt, so dass dieser bereit ist, die Plattform zu nutzen, seine Daten dafür zur Verfügung zu stellen und Qualitätseinbußen hinzunehmen. Nach dem Motto: „Das Zimmer war ziemlich laut und nicht sehr sauber, aber war ja nur über Airbnb. Es war ja so bequem zu buchen.“ Dem ersten Grundprinzip folgt das zweite: Eine Plattform arbeitet nicht aus Wohltätigkeit (wenn das auch oftmals proklamiert wird), nach dem Motto: „Wir wollen Menschen zusammenbringen“, sondern will und muss Geld verdienen. Investoren geben Geld und wollen Rendite. Die Plattformbetreiber werden also alles daransetzen, ihren Markt zu disruptieren, d.h. aufzubrechen. Auch wenn zunächst von den Gründern noch so idealistische Ziele verfolgt werden, am Ende wollen die Geldgeber mehr zurückbekommen als sie investiert haben. Dem zweiten Grundprinzip folgt das dritte: Die Kunden einer Plattform sind niemals die Kunden, sondern sie sind immer das Produkt. Durch die Sammlung von immensen Datenmengen, kann eine Plattform nach und nach auf der Basis von Algorithmen auf den „menschlichen Faktor“ verzichten. Lieferanten werden durch Drohnen ersetzt, Taxifahrer durch autonome Autos, Call-Center-Agents durch Sprachcomputer, Musikgeschmack durch Playlists, Buchkritiker durch Verkaufsrankings,

Meinungen und Wissen durch Social Bots, Gesprächspartner durch Alexa, Siri, Cortana & Co. 

Inwieweit diese drei Grundprinzipien von Internetplattformen, die sogenannte Plattformlogik, zum Coaching passt, muss jeder, der Coaching anbietet oder nutzt, selbst entscheiden. Sicher ist jedenfalls, dass sich Coaching durch den zunehmenden Einfluss digitaler Plattformen sehr grundlegend verändern wird.

 Der zweite Aspekt handelt von Vertrauen und Datensicherheit.

Wir Coaches tun eine Menge dafür, das Vertrauen unserer Klienten zu gewinnen. Dazu verpflichten wir uns auf eine Professionsethik, agieren integer, transparent und unterstützend, denn wir wissen, dass wir ohne das Vertrauen unserer Klienten wirkungslos sind. Coaching ist ein co-kreativer Prozess, dass was hier entstehen kann, entsteht gemeinsam, bringen Klient und Coach gemeinsam hervor. Man kann nicht jemanden coachen, strenggenommen coachen wir uns. 

Klienten müssen in die Prozess- und Fachkompetenz des Coachs, Coaches in die Reflexionsbereitschaft und Offenheit ihrer Klienten vertrauen, damit im Coaching etwas Besonderes entstehen kann. Erfolgt das Coaching über eine Plattform kommt eine neue Vertrauensebene ins Spiel. Das Feld des Vertrauens resp. des Misstrauens erweitert sich. Plattformvertrauen kommt hinzu. Was passiert mit all den Daten, die wir hinterlassen? Personendaten, Ort, Zeit, Häufigkeit und Dauer von Sessions? Wer coacht viel und wer wenig, wer wird viel und wer wenig gecoacht? Welche Themen werden dokumentiert? Was erfahre ich über die Methoden oder die Hausaufgaben über die Klienten? Ist es nicht verlockend für ein Unternehmen, zu erfahren, was häufige Coachingthemen sind? Schon wegen des betrieblichen Gesundheitsschutzes, weil wir ja auch eine Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeitern haben. Wer hört alles mit, wenn wir coachen und wer schaut noch zu? Wie werden die Coaches bewertet? Wie erkenne ich gute und schlechte Coaches? Ist nicht die Bewertung viel valider als eine Verbandszugehörigkeit? Welcher Coach ist eigentlich der bessere, der der so nett ist oder der der die unbequemen Fragen stellt?

Der dritte Aspekt betrifft die Professionsgemeinschaft, die professionelle Community der Coaches. Verbände in einem Professionsfeld, seien es Ärzte, Juristen oder Baustatiker haben die Aufgabe, den Markt zu regulieren und haben damit eine wichtige Funktion bei der Entwicklung und Erhaltung einer Profession.

Ganz einfach gesagt, geht es darum, eine Unterscheidung für die Marktteilnehmer zur Verfügung zu stellen, die es ermöglicht den Profi vom Scharlatan zu unterscheiden. Dies betrifft vor allem die Qualität, aber auch Marktusancen sowie Qualifikation und Ethik. Momentan ist es noch so, dass die Coachingplattformen die Coachingverbände brauchen, um sich am Markt etablieren zu können. Sie können damit beim Kunden punkten und Vertrauen und Kompetenzanmutung erzeugen. Etablierte und bekannte Coaches werden eingeladen, über die Plattformen zu arbeiten, weil man weiß, dass damit auch andere auf die Plattformen gezogen werden können. Noch wird im Wesentlichen durch die professionellen Coaches definiert, was Coaching und was gutes Coaching ist.

Je mehr der Einfluss der Coachingplattformen zunimmt, desto schwächer wird der Einfluss der Professionsvertretungen werden. Nur ein Gedankenspiel: Wer, denken Sie, hat mehr Einfluss auf den Hotelmarkt? Der Hotelverband Deutschland IHA e.V. oder booking.com? Die Frage ist, wer in Zukunft die Deutungshoheit darüber hat, was Coaching ist, welche Standards gelten und welche ethischen Aspekte dabei eine Rolle spielen.

Was kann man zusammenfassend zu diesen Entwicklungen sagen?

Wenn mir beim Schreiben dieses Artikels eines klar geworden ist, dann das, dass wir zu diesem Thema als Verband dringend Stellung beziehen sollten. Wir müssen die Entwicklungen zusammen mit allen Akteuren im Coachingfeld mitgestalten, weil sich sonst Eigendynamiken entwickeln, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Und gestalten mit vielen funktioniert am besten im Dialog. Dialog meint, den Austausch zu fördern, gemeinsam Gedanken und Ideen zu entwickeln. Dabei darf es nicht um Richtig oder Falsch gehen, und es darf auch nicht darum gehen, wer recht hat und wer nicht. Jeder ist Experte und Laie zugleich. Wichtig ist, dass die angesprochenen Entwicklungen nicht nur von einer Seite vorangetrieben und  dominiert werden, sondern dass alle Stimmen zu Wort kommen. Nur das garantiert eine ausgewogene Entwicklung, bei der zugleich jeder selbstreflektiert entscheiden und damit mitbestimmen kann. 

Ich möchte alle, die diesen Artikel gelesen haben, an dieser Stelle einladen, ihre Fragen und Erfahrungen, Ideen und Bedenken zur Arbeit mit digitalen Coaching-Plattformen einzubringen. Bitte schreiben Sie uns unter ethikkommission@coachfederation.de.

 

Autor: PD Dr. Thomas Bachmann, PCC   Bild: pixabay

 


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