International Coach Federation Deutschland

Von Profis und Professionalität (nicht nur im Coaching)

 

Wie ist das, wenn man einen Profi braucht? Meistens wird es dann ernst. Im Film wird typischerweise erst lange gesucht. Der Profi hat sich an einen einsamen Ort zurückgezogen, ist nicht so leicht ausfindig zu machen. Hat man ihn gefunden, lehnt er zunächst ab. Er nimmt einen Auftrag niemals sofort an. Ganz im Gegenteil. Man muss den Profi erst davon überzeugen, mitzumachen. Er kennt die Gefahren des Scheiterns und die Grenzen seiner Fähigkeiten. Oft ist er auch schon ein bisschen müde, hat schon viel erlebt und muss nicht mehr jedem Abenteuer hinterherjagen. Wenn er schließlich einwilligt und seine Bedingungen formuliert, weiß jeder, dass jetzt alles gut wird. So entsteht Vertrauen.

Profiteor (lat. sich bekennen, öffentlich machen) ist der eigentliche Wortsinn, der Begriffen wie Professionalität, Profession oder Profi zugrunde liegt. Dieses öffentliche Bekennen, zu dem, wer man ist und was man tut, ist der Kern professionellen Auftretens und Handeln. Der Kern der professionellen Identität. „Who is my Self and what is my work?“ fragt Otto Scharmer, der Begründer der Theory U. Wer diese Fragen für sich beantworten kann, beantwortet damit auch die nicht-markierten Unterscheidungen: Wer bin ich nicht und was mache ich nicht? 

Professionelles Auftreten heißt also, zunächst einmal zu enttäuschen. Seine eigenen Grenzen kennen, nicht jeden Auftrag anzunehmen, genau zu wissen, wofür man zuständig ist und worin die eigenen Kompetenzen liegen. Erfolg und Scheitern zu kalkulieren sowie Erwartungen, Wünsche und Drängen von potentiellen Klienten klug, zugewandt und mit innerer (geistiger) und äußerer (finanzieller) Unabhängigkeit zu begegnen.

Die eigene professionelle Entwicklung ist natürlich niemals abgeschlossen. „Work in progress“ ist hier die passende Überschrift. Wolfgang Looss beschreibt den Prozess anhand der beiden Dimensionen „Sichtbarkeit“ und „Kompetenz“. Wie und womit zeige ich mich im professionellen Feld? Was sind meine Leistungen, Zielgruppen und Versprechen? Und: Was habe ich gelernt, über welche reflektierten und ausgewerteten Erfahrungen verfüge ich? Das resultierende Diagramm zeigt drei Entwicklungslinien: Den Profi, den Hochstapler und das Mauerblümchen.

Der Hochstapler traut sich sehr früh sehr viel zu. Jeder Auftrag wir angenommen, auf der Website ist ein bunter Bauchladen zahlreicher Kompetenzen zu finden, die Präsenz und Sichtbarkeit sind hoch, es wird viel geklappert, trotz weniger Handwerk. Doch innerlich ist da die Entlarvungsangst, dass ihm jemand auf die Schliche kommen könnte, weshalb die professionelle Fassade sehr perfekt und uneinnehmbar wirkt. Sollte es Lernmomente geben, geschehen die nur heimlich fernab der Öffentlichkeit.

Das Mauerblümchen ist das ganze Gegenteil. Es wurde viel gelernt und erfahren, doch es fehlt der Mut, sich dazu zu bekennen. Stattdessen wird lieber noch ein Seminar besucht, noch ein Buch gelesen und wieder eine Weiterbildung eingeplant. Man könnte ja noch nicht gut genug sein. Dieses Verhalten ist getrieben von der Bewertungsangst. Was könnten andere von mir denken? Die anderen sind doch bestimmt viel besser, was die alles wissen und können?

Ein Profi sorgt auf seinem Entwicklungsweg für einen angemessenen Ausgleich zwischen der eigenen Kompetenzentwicklung und seiner Sichtbarkeit im Feld. Wo bin ich mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen anschlussfähig? Was will ich als nächstes Lernen? Welche Themen, Zielgruppen oder Branchen will ich erobern. Jeder Schritt ist dabei von Reflexions­phasen begleitet, bei denen Erfahrungen ausgewertet und in die eigene professionelle Rolle integriert werden. Man könnte es die aktive Gestaltung der Lernzone nennen. Diese liegt außerhalb der Komfortzone und weit genug entfernt von der Panikzone. Gleichzeitig gehört ein reflexives Auswerten eigenen Scheiterns dazu. Ed Nevis beschreibt das mit dem Begriff des „Professional regret“: Wenn ich an meine Aufträge und Klienten in der Vergangenheit denke: Wo entsteht Schamgefühl? Wie habe ich damals gearbeitet? Was habe ich aus meinen Misserfolgen gelernt? Wo stehe ich jetzt in meiner Entwicklung? etc., können hier leitende Frage für die Intro- oder Intervision sein. Diese Rückschau hilft, sich der eigenen professionellen Entwicklung bewusst zu werden und die nächsten Schritte zu gehen.

Mit jedem Entwicklungsschritt kalibriert sich dabei der eigene ethische Kompass, der uns Coaches hilft, durch die Landschaft von Organisationen, Klientinnen, Aufträgen, Erwar­tungen, Zuschreibungen, narzisstischen Verlockungen, Sendungsbewusstsein und Rettungs­­phantasien zu driften und bei all dem auch noch Geld zu verdienen. Dieser Kompass ist in Krisenzeiten besonders wichtig, denn in diesen Zeiten verschwimmen die Grenzen und gehen Visionen verloren. Manch einer kämpft dabei um seine wirtschaftliche Existenz, andere profitieren. Gleichzeit bietet diese Umbruchsituation auch viele Chancen zur Neuorientierung, zur Entwicklung neuer Kompetenzen und damit zur Gestaltung neuer Angebote und Geschäftsfelder entlang der eigenen professionellen Entwicklungslinie.

 

Meine Kollegen und ich freuen uns über Rückmeldungen und Anregungen:
ethikkommission@coachfederation.de

 

Autor: PD Dr. Thomas Bachmann (PCC)    Foto: Doris van de Sand

 

 


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