International Coach Federation Deutschland

Selbstfürsorge im Online-Coaching

Selbstfürsorge im Online-CoachingIm letzten Newsletter (Januar 2018) hatten wir die Selbstfürsorge für Coaches thematisiert und auf die Besonderheiten im Online-Coaching hingewiesen. Hierzu ein Fallbeispiel aus der Praxis. Horst ist ein erfahrener Coach, der seine Coachingausbildungen im klassischen Präsenzcoaching absolviert hat. Er ist verheiratet und hat drei Kinder (13, 11 und 8). Seine Frau ist freiberuflich als Architektin tätig, allerdings mit nur mäßigem wirtschaftlichen Erfolg.

Im letzten Jahr hat sich die Tätigkeit von Horst als Coach stark verändert und der Schwerpunkt hat sich immer mehr in Richtung Online-Coaching verlagert. Das kommt ihm in seiner familiären Situation entgegen, da er jetzt wesentlich weniger reisen muss. Aber es ist für ihn nicht einfach, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Da seine Kunden bezüglich der Honorare deutlich kritischer geworden sind, versucht er den Umsatzrückgang über die Anzahl der Coachings zu kompensieren. In letzter Zeit ist es leider zudem häufiger zu kurzfristigen Stornos gekommen. Ein Klient schickt ihm z.B. eine SMS mit dem Tenor „… wichtiges Meeting reingekommen, kann leider den Termin nicht wahrnehmen. Bitte um Verschiebung.“ Der Klient will sich wieder melden.

Mit einem anderen Coachee trifft er sich online rechtzeitig zum vereinbarten Termin. Das Coaching soll diesmal über eine geschützte Coachingplattform stattfinden. Die Verbindung wird aufgebaut und der Coachee ist über Video sichtbar, allerdings funktioniert der Ton nicht. Es vergehen viele Minuten mit Ausprobieren. Man behilft sich zunächst über die Chatfunktion. Da es aber mit der Zeit zu mühsam wird, vereinbaren beide „klassisch“ zu telefonieren. Mittlerweile sind schon mehr als 20 Minuten vergangen. Der Klient ist dann am Telefon etwas ungehalten wegen der schlechten Technik. Der Coach hat jedoch das Gefühl, das Problem liegt beim Klienten und fühlt sich ungerecht behandelt. Das Coaching entwickelt sich anschließend zu einer eher frostigen Atmosphäre. Nachdem das Audio plötzlich wieder funktioniert, findet das weitere Coaching wieder auf der Plattform statt. Es treten aber weiterhin technische Probleme - z.B. in Form von zeitlich verzögerten Antworten - auf und der Coachee ist teilweise nur schwer zu verstehen. Irgendwie sind offensichtlich anschließend beide froh, dass die Coachingsession endlich zu Ende geht. Horst arbeitet von seinem Homeoffice aus. Draußen hört man ab und zu, wie seine Kinder sich mal wieder heftig streiten und dadurch offensichtlich die Stimmung in der ganzen Familie sich dem nächsten Tiefpunkt nähert.

Für den Coach war es das letzte Gespräch von insgesamt 6 Sessions an diesem Tag und mittlerweile ist es schon nach 20.00 Uhr. Bei Abendessen beklagt sich seine Frau, dass Horst oft viel zu lange arbeitet und zu spät zum Essen kommt. Außerdem kümmere er sich zu wenig um die Kinder, die in letzter Zeit unheimlich anstrengend und nervig sind. Horst ist erschöpft und tröstet sich mit ein paar Gläsern gutem Rotwein, bevor er total ausgelaugt ins Bett fällt und zu schlafen versucht.

Am nächsten Tag findet die erste vereinbarte Coachingsession bereits um 07.00 Uhr statt, da der Klient das Gespräch noch vor einer wichtigen Sitzung haben wollte und derzeit in Fernost arbeitet. Coach Horst ist noch müde und hat Mühe dem Gespräch und dem schnellen Redefluss des Klienten zu folgen. Er versucht zwar den Klienten immer wieder zu unterbrechen, was aber selten wirklich gelingt. Beinahe hätte er überhört, dass der Coachee zweideutige Äußerungen macht. Mit Bezug auf die aktuellen Konflikte in seinem Unternehmen spricht er z.B. davon, „dass das Fahrassistenzsystem in seinem Dienstwagen leider vor Brückenpfeilern schützt“. Horst reagiert nicht sofort darauf. Mit etwas Zeitverzögerung sagt ihm seine Intuition aber, dass er da nochmals nachhaken muss und fragt dann den Klienten „was meinen Sie damit“. Der Klient antwortet nur kurz „ach ja – manchmal ist das alles so sinnlos“. Aber es sei alles o.k. – jeder habe schließlich mal einen schlechten Tag. Dann wechselt der Coachee das Thema und es entwickelt sich noch eine konstruktive Reflexionsschleife zu einem aktuellen Dilemma des Coachees.

Am Ende dieses Arbeitstages sind wieder 6 Coachingsessions geschafft. Wenigstens hat sich der Tag finanziell gelohnt. Aber die Rechnungen müssen noch geschrieben und die Buchhaltung noch gemacht werden. Dadurch wird es morgen wieder nichts mit dem Sport. Eigentlich wollte Coach Horst ja auch schon länger mal eine Supervision, zumindest aber eine Kollegiale Beratung buchen. Aber dafür hat er aktuell weder Zeit noch Energie.

Reflektieren Sie Ihre eigene Praxis der Selbstfürsorge. Wo könnten sich aus Ihrer Sicht Fragen oder Herausforderungen in Bezug auf die Ethikrichtlinien der ICF ergeben?

Unabhängig von diesem Fallbeispiel: wo sehen Sie Unklarheiten, Herausforderungen oder Themen im Zusammenhang mit Ethik, speziell im Online-Coaching? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Welche Fragen beschäftigen Sie in diesem Zusammenhang?

Ihre Meinung ist uns wichtig. Schreiben Sie uns bitte, wie Sie sich in dem eben beschriebenen Fall verhalten würden. Haben Sie selbst einen Fall aus Ihrer Coachingpraxis, den Sie gerne mit uns allen teilen möchten? Dann schreiben Sie uns bitte, wir freuen uns. Senden Sie uns Ihre Mails an ethikkommission@coachfederation.de

Bei der ICF in Deutschland sind wir von der Ethikkommission erste Ansprechstelle für Fragen, Beschwerden, Anregungen ethikkommission@coachfederation.de. Bei Bedarf arbeiten wir mit der internationalen Ethikkommission, dem International Review Board (IRB) zusammen.

Mit herzlichen Grüßen für die Ethik-Kommission

Dr. Michael Fritsch.

Bildrechte: Pixabay CC 0

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