International Coach Federation Deutschland

Verantwortung und Coaching

 

November 2020. Wir befinden uns in der zweiten Welle. Der ausbeuterische Umgang mit der Natur und unser maßloses Massenverhalten hat uns im Kern unserer Existenz getroffen: unserem Sozialleben. Nähe, Umarmungen, Besuche, Konzerte, Theater, Kino, Sportveranstaltungen, Reisen, Seminare, Meetings, Konferenzen, Partys, Clubs, Bars, Restaurants, Versammlungen, Vorlesungen, Demonstrationen und vieles mehr sind nicht oder nur noch eingeschränkt möglich, will man nicht das Kollabieren des Gesundheitswesens und damit viel Leid riskieren. Das soziale Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Einiges lässt sich mithilfe digitaler Kommunikationsmittel kompensieren, vieles nicht.

Im Kern allen Handelns geht es in diesen Tagen um Verantwortung. Verantwortung für sich selbst, für andere Menschen und für die Natur, die unsere Existenzgrundlage ist. Verantwortung kann man haben, übernehmen oder von sich weisen. Oft wird sie weggeschoben wie eine versalzene Suppe, manchmal gar nicht wahrgenommen, nicht selten egoistisch zum Selbstzweck verbogen.

Jean-Paul Sartre[1] meint dazu: Der Mensch ist verurteilt zur Freiheit und trägt deshalb die Verantwortung für alle Handlungen in der Welt. Die Übernahme der absoluten Verantwortlichkeit ist die Konsequenz der totalen Freiheit. „Was mir zustößt, stößt mir durch mich zu, und ich kann weder darüber beküm­mert sein, noch mich dagegen auflehnen, noch mich abfinden.“ Indem der Mensch seine Freiheit und Verantwortung anerkennt, wählt der Mensch sich selbst. Er schafft einen Entwurf des Lebens und dieser ist sein Bild des Menschen. Er wird zum allgemeinen Gesetzgeber. „Wenn wir sagen, der Mensch wählt sich, verstehen wir darunter, jeder von uns wählt sich, doch damit wollen wir auch sagen, sich wählend wählt er alle Menschen.“ Wer sich selbst als frei und verantwortlich betrachtet, gesteht auch dem anderen diese Freiheit zu und fordert von ihm Verantwortung. Die Freiheit des anderen ist die Grenze der eigenen Freiheit. Dies bedeutet, dass die Einsicht in seine Geworfenheit den Menschen nicht isoliert, sondern ihm die Zugewandtheit auf andere Menschen, eine Humanität erst ermöglicht. Andererseits ist Verantwortung eine Bürde.

Unsere Gesellschaft besteht aus vielen ICHs und einem WIR. Trotzdem wir in diesen Tagen wenig WIR direkt erleben und uns in kleine ICH-Welten zurückziehen müssen, brauchen wir das WIR, in dem sich die gesellschaftliche Verantwortung manifestiert, mehr denn je. Die meisten ICHs haben das verstan­den, ohne darüber nachdenken zu müssen. Sie vertrauen. In Wissenschaft, Politik und seriöse Medien. Andere zelebrieren die Gereiztheit ihrer gekränkten ICHs. Sie ver­trauen nicht (mehr). Verantwortung in der Gemeinschaft erfahren zu können, heißt zuerst, Vertrauen zu können. Vertrauen fußt auf dem Zuschreiben von Kompetenz, Integrität und Wohlwollen in andere. Und wenn ich vertraue, bin ich auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Das Zusammenspiel von Freiheit und Verantwortung findet auf dem Feld des Vertrauens statt.

Unsere Coachingklientinnen vertrauen in unsere Professionalität, ethische Integrität und Ressourcen­orientierung. Dies ist die Basis für das Arbeitsbündnis zwischen Coach und Klient. Coaching zielt auf die Hilfe zur Selbsthilfe. Es geht darum, Reflexion anzuregen und Verantwortung zu stärken. Wir helfen unseren Klienten, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, denn man kann sich nur selbst verändern und dadurch andere zur Veränderung einladen. Im Großen und im Kleinen. Dabei muss es immer um die Balance zwischen ICH und WIR gehen, wenn wir humanistisch handeln wollen. Bei aller Freiheit, die ich habe, muss ich die Folgen meines Handelns bedenken. Und ich muss den­jenigen in der Gesellschaft meinen Respekt erweisen, die Verantwortung haben oder über­nehmen, ohne dabei hörig zu sein. Denn wenn man in der Verantwortung steht, sieht die Welt anders aus, als wenn man von der Tribüne grölt, während man anderen dabei zusieht, mit der Bürde der Verant­wor­tung zu handeln.

Uns Coaches kommt dabei eine besondere Rolle zu. Unsere Klienten vertrauen uns. Gleichzeitig haben wir keine Verantwortung für das, was die Klientin im Coaching mit uns bearbeiten will, welche Lösungen entstehen und wie diese schließlich im (Führungs- und Management-)Alltag umgesetzt werden. Wir stehen am Spielfeldrand. Wir müssen für unser Handeln keine Rechenschaft ablegen. In seinem Heimatsystem trägt allein der Klient die Verantwortung. Das Vertrauen unserer Klienten in unsere Professionalität überträgt uns dennoch eine, wenn auch sehr spezifische Form der Verantwortung. Nämlich die Verantwortung im Coaching sowohl Anwalt von ICH und WIR zu sein, die Folgen des ihres Handelns mit unseren Klientinnen zu reflektieren und unserem Gegenüber mit Respekt für die Aufgabe und die damit verbundene Verantwortung zu begegnen.

 

Meine Kollegen und ich freuen uns über Rückmeldungen und Anregungen:
ethikkommission@coachfederation.de

https://www.coachfederation.de/fileadmin/Ethikkommission/Ethikkommission_2019-22.JPG

 


[1]de.wikipedia.org/wiki/Verantwortung

 

 

 


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