International Coach Federation Deutschland

Panta Rhei

 

„Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.“ Lange nicht haben wir Heraklits „Flusslehre“ so deutlich und auf allen Ebenen unseres Lebens erfahren können. Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie bewegen wir uns von Welle zu Welle, über Gipfel des Erschauderns und durch Täler der Hoffnung und Unsicherheit. Vieles in unserem Leben scheint davon unberührt weiterzugehen, vieles ist verschwunden und vielleicht sogar unwiederbringlich zerstört.

Unübersehbar haben die - schon vor Corona vorherrschenden - gesellschaftlichen Megatrends rasant an Fahrt aufgenommen. Individualisierung, Gender Shift, Globalisierung, Ökologie, Sicherheit, Konnektivität, Silver Society, Mobilität, Gesundheit, Urbanisierung, Wissenskultur und New Work verzeichnet das Zukunftsinstitut von Matthias Horx als gesellschaftliche Tiefenströmungen auf seiner Website. Corona wirkt dabei wie ein Katalysator. Ein chemisches Element, dass durch seine bloße Anwesenheit Reaktionen beschleunigt, die tief in unsere sozialen und psychischen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen hineinwirken.

Krisen gelten gemeinhin als Motor der Veränderung, zumindest für die, die Bewegungsspielraum haben oder sich verschaffen. Der entstehende Selektionsdruck macht erfinderisch. Bewegungen und Verschiebungen, Innovationen und Kreativität sind auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten. Vordergründig nimmt man erst einmal nur Gewinner und Verlierer, Leugner und Akzeptierer, Betroffene und Engagierte wahr, doch wenn man genau hinschaut, kann man die Vielfalt der Reaktionen, Ideen, Meinungen, Erkenntnisse und Aktivitäten sehen. Was entsteht gerade, was bricht sich bahn, was sortiert sich neu?

Bereits jetzt sind die Veränderungen in der Arbeitswelt und der Welt der Organisationen unüber­sehbar. Umfassende Digitalisierung, neue Organisationsformen und -strukturen, neue Formen von Zusammen­arbeit und Führung, die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben sind nur einige Beispiele. Gewaltige Umwälzungen verändern zudem vor allem traditionelle industrielle Branchen und Wirtschaftsstrukturen zugunsten von Wissens- und Technologieorganisationen, die mit ihrer Datensammelleidenschaft und Technologieführerschaft eine globale Kräfteverschiebung herbeiführen und damit immens auf wirtschaftliche, politische und sozialen Prozesse einwirken.

Welche Rolle spielen wir Coaches in dieser umfassenden Transformation? Wohin zeigt unser ethischer Kompass? Sicher ist, dass auch unsere Profession von diesen Veränderungen betroffen ist oder besser gesagt, sie mitgestaltet. Veränderungen können dabei auf mehreren Ebenen beschrieben werden:

Veränderungen, wie Coaching stattfindet

Coaching hat sich im letzten Jahr überwiegend in den digitalen Raum verlagert. Videoplattformen, digitale Tools und digitale Coaching Provider haben Hochkonjunktur. Klienten und Coaches machen die Erfahrung, dass es gut funktioniert, ja teilweise sogar schneller und direkter zugeht, als wenn man sich in der Realität begegnet und es zudem noch weniger aufwändig ist, weil Raum und Zeit überwunden werden können. Was bedeutet diese Entwicklung, die sich sicher nicht wieder umkehren wird für uns als Coaches und unsere Professionsethik?

Veränderungen, wer Coaching nachfragt

Coaching hat sich neue Zielgruppen erschlossen. Der Fokus von Coaching lag in den Anfangszeiten auf Personen mit Führungs- und Managementaufgaben. Durch neue Formen von Arbeit, Organisationen und Zusammenarbeit, die stetige Verbreitung und Akzeptanz von Coaching sowie niedrig­schwelligere Zugangsmöglichkeiten in modernen Organisation, nicht zuletzt durch digitale Angebote, hat sich die Coachingklientel verändert und ausgeweitet. Verkürzt könnte man sagen, alle, die heute Coaching nachfragen, können es bekommen.

Veränderungen, der Coachinganliegen bzw. Themen

Die typischen Coachingthemen, Führung, Karriere, Selbstmanagement etc. differenzieren sich zunehmend in Spezialthemen, die von uns Coaches spezifisches Fachwissen erfordern. Allein unter dem Begriff New Work tummeln sich unzählige Ansätze und Methoden. Neue Themen und Fragestellungen (Diversity, Genderfragen, Silver Society etc.) kommen hinzu und müssen mit neuen Konzepten und Methoden und in neuen Formaten bearbeitet werden. Muss nicht ein agiles Team auch agil gecoacht werden?

Veränderungen, wer coacht.

Coaching ist längst nicht mehr nur die Aufgabe von Coaches. Jährlich absolvieren allein in Deutschland tausende Menschen eine Coachingausbildung bzw. bilden sich mit coachingverwandten Konzepten und Methoden (Führungskraft als Coach, Scrum Master etc.). Coaching entwickelt sich weiter, differenziert sich und diffundiert in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein. Die Profession des Coaches, wenn es sie je gab, ist in Auflösung begriffen, so wie es auch den klassischen Professionen ergeht (Priester, Lehrer, Arzt, Jurist).

Veränderung, der Position von Coaches

Mit dem Fluider-Werden von Organisationen durch neue hybride, vernetzte und flexible Konzepte ändert sich auch der Ort, an dem Coaching stattfindet. Die klassische Vorstellung, dass Klienten zu ihren Coaches in die Praxis kommen, weicht der Realität. Immer mehr interne Coaches unterstützen Personen und Teams vor Ort bei der Ausgestaltung ihrer Rolle und ihrer Zusammenarbeit. Digitales Coaching passiert im Büro oder im Home-Office. Coaching wird assimiliert. Was bedeutet das für den spürbaren Unterschied, den wir Coaches machen müssen, um wirksam zu sein?

Welche Implikationen haben die hier skizzierten Veränderungen für uns als Coaches und unser ethisches Handeln? Was müssen wir neu denken? Wovon müssen wir Abschied nehmen? Wo können ethische Dilemmata entstehen? Wo muss sich unser Ethik-Codex weiterentwickeln? Wie wird sich unsere Rolle verändern? Wem dienen wir, wem sollten wir uns verweigern? Was brauchen Menschen und Organisationen von uns in dieser Zeit? Was müssen wir lernen und wie müssen auch wir uns verändern? Wie können neue, kreative Angebote aussehen? Wer sind unsere Klienten der Zukunft? Wo werden wir uns im Fluss des Geschehens positionieren? Wo könnte für uns ein brauchbarer Beobachtungsposten sein? Und nicht zuletzt: Welche ethischen Konsequenzen haben diese Umbrüche und Veränderungen für unsere Haltung und Rolle?

Lieber Leser und Leserinnen, in diesem Text wurden bewusst nur Entwicklungen beschrieben und Fragen gestellt. Das liegt nicht nur daran, dass die Beantwortung der Fragen, den Rahmen eines Newsletters sprengen würde, sondern vor allem, dass wir auf die meisten Fragen auch (noch) keine Antworten haben. Deshalb möchten wir an dieser Stelle ganz direkt auf Sie zugehen: Welche der Fragen hat Sie besonders nachdenklich gemacht oder berührt? Zu welchem Thema wünschen Sie sich eine Vertiefung, was sollen wir in kommenden Newslettern aufgreifen?

Wir freuen uns über ihre Fragen und Impulse unter ethikkommission@coachfederation.de

 

 


coachfederation.de  |  coachingtag.com

ISSN: 2702-7880

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18 Feb 2021

Betrifft ICF Zertifizierungen, die am 31.12.2020 abgelaufen sind


Frist für die Verwendung einer abgelaufenen Zertifizierung geht am 28. Februar 2021 zu Ende, was tun?

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05 Feb 2021

ICF Global Coaching Study 2020 veröffentlicht


Laut ICF Global Coaching Study 2020 sind Hindernis Nr. 1 für den Coaching-Beruf unausgebildete Personen, die sich als Coaches bezeichnen.

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