International Coach Federation Deutschland

Neuroscience für Coaches – eine Bedienungsanleitung fürs Gehirn?

 

Was bringen einem die Neurowissenschaften?

Ich fahre einen 16 Jahre alten BMW und bin total zufrieden mit der alten Karre. Okay, ich hätte auch gerne ein neues elektrisches Vehikel, aber die sind mir schlichtweg zu teuer. Bei dem alten Auto geht alles recht intuitiv und man findet alle Knöpfe die man braucht auf Anhieb. Gute Arbeit von den Ingenieuren! Nur die Uhr auf Sommer und Winterzeit umzustellen jedes Jahr ist ein Krampf. Ich muss immer wieder aufs Neue in die Bedienungsanleitung schauen. Die Zündung auf 1, beide Knöpfe für 3 Sekunden drücken und dann an den Knöpfen drehen. Ich bin jedes Mal aus Neue froh, die Bedienungsanleitung zu haben.

Mit dem Gehirn scheint es mir ähnlich zu sein. Ein Organ unseres Körpers, mit dem wir schon Jahrzehnte leben, müssten wir doch gut kennen! Das Problem mit dem Gehirn ist aber, es findet zu viel im Unbewussten statt und wir haben oft keine Ahnung davon was und wie da etwas vor sich geht. Wie gut, das die Neurowissenschaften wenigstens einen Teil entschlüsselt haben und ein paar interessante Prinzipien gefunden haben, die für das Lernen und die Entwicklung und damit auch für Coaches und Trainer relevant sind. Wenn wir also wissen, wie das Gehirn funktioniert, können wir das als Bedienungsanleitung sehen, um besser damit umzugehen.

Eine der wichtigsten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre ist:

 

Gehirn hat das Potential sich zu entwickeln

Obwohl unglaublich komplex, haben Wissenschaftler erstaunliche Erkenntnisse über die Arbeitsweise des Gehirns gemacht. Allen voran die Erkenntnis, dass unser Gehirn bis zum Ende unseres Lebens veränderbar ist. Neuroplastizität nennt man das. Es ist ein riesiges Netzwerk aus Milliarden von Nervenzellen, die untereinander durch Synapsen verbunden sind. Ständig gibt es in diesem Netzwerk neue Auswüchse, neue Verschaltungen und Verknüpfungen. Die Bildung neuer Netzwerke und deren Veränderung ist gleichbedeutend mit Lernen und Entwicklung.

Es gibt viele Belege dafür, dass Menschen verschiedene Hirnbereiche stimulieren und verbessern können. Sie verfeinern Fähigkeiten bis zur Perfektion, ändern massiv ihre Einstellung, verbessern ihre emotionale Kompetenz oder erschaffen sich ein unglaubliches Gedächtnis. Und sie bestätigen damit was die Neurowissenschaften zeigen: Unser Gehirn ist entwickelbar und veränderbar und kann sich jederzeit verbessern.

Das Potential ist da. Das heißt nicht, dass unser Gehirn sich ständig weiter entwickelt. Anders Ericsson hat in seinen Forschungen gezeigt, dass ein Gehirn auch stehen bleiben kann und sich nicht weiter entwickeln muss. Ich habe den Eindruck, dies kommt in unserer Gesellschaft recht häufig vor. Viele Menschen stoppen ihre Entwicklung ab einem gewissen Alter. Oder vielleicht auch einfach deswegen, weil sie nicht wissen wie Entwicklung funktioniert. Und genau da sind wir als Coaches und Trainer gefragt. Für uns selbst, für unsere Kunden und unsere Umgebung. Und die Konsequenzen und Möglichkeiten, die sich aus dem Lernpotential ergeben sind riesig. Für die Schule, für das Lernen in Firmen und die Entwicklung unserer Gesellschaft.

Jetzt kann man sich fragen: Gut und schön, es ist ja toll, das unser Gehirn sich entwickeln kann. Aber wie mache ich das denn? Gute Frage! Und für mich der Grund, warum wir etwas über die neurowissenschaftlichen Grundlagen des Lernens erfahren müssen. Wie entwickelt sich unser Gehirn am besten? Wie verändern wir uns effektiv? Denn dann haben wir eine kleine Bedienungsanleitung der Entwicklung.

Hier kommt eine zweite wichtige neurowissenschaftliche Erkenntnis ins Spiel.

Das Gehirn verändert sich in der Abhängigkeit von der Nutzung.

Man hat es zuerst an Mäusen gesehen und dann an vielen anderen Organismen. Fred Cage hat dazu vor Jahren schon sehr interessante Experimente gemacht. Er hat Gruppen von Mäusen in unterschiedlichen Umgebungen gehalten. Eine Gruppe in einem Käfig in dem keine Herausforderungen waren. Die Käfige waren einfach nackt. Die andere Gruppe wurde in Käfigen gehalten, in der es jede Menge zu tun gab. Es gab verschiedenen Ebenen die sie über Seile, Treppen und Tunnel erreichen konnte. Es gab Laufräder, Äste, Häuser und damit ganz viele Dinge, die Herausforderungen darstellen. Hinterher untersuchte er die Gehirne und stellte fest, dass die Mäuse in einer herausfordernden Umgebung lebten, wesentlich besser entwickelte Gehirne hatten, als die ohne. Welche Schlussfolgerung ergibt sich daraus? Wenn wir uns entwickeln wollen dann sind Probleme und Herausforderungen genau richtig. Denn deren Lösung trägt zu der Entwicklung unseres Gehirns bei. Mit jeder Lösung werden wir erfahrener und schlauer.

Wie geschieht das? Generell gesagt, wenn wir uns mit dem beschäftigen was wir lernen wollen, wird sich etwas in unserem Kopf tun. Wir entwickeln das, womit wir uns beschäftigen. Und das kann alles sein: Bösartigkeit, Eifersucht, Empathie oder strategisches Geschick (und vieles mehr). Umgekehrt, wenn wir nichts tun, werden wir auch im Kopf nichts entwickeln. Lernen braucht Herausforderung. Lernen braucht gedankliche Beschäftigung. Das ist besonders dann wichtig, wenn wir unsere Gedankenwelt ändern wollen. Und das hat wieder riesige Konsequenzen für unsere Kommunikation, für unsere Gedanken, die Kultur einer Firma und das, was wir jeden Tag machen.

Während ich das schreibe, fällt mir auf, dass ich vieles generalisiere. Regeln zu bilden ist eben eine der Absichten von Wissenschaft. Aber eines wird aus der Forschung auch deutlich: Wir haben viele universelle Prinzipien, aber dadurch dass jedes Gehirn sich anders entwickelt und strukturiert sind wir alle unterschiedlich. Jeder hat seine Denkstrukturen, Vorlieben und Eigenheiten. Und das bringt mich zu einem wichtigen letzten Punkt.

Jedes Gehirn ist anders und etwas Besonderes

Man könnte nach meinen Ausführungen zu dem Schluss kommen: Prima, dann machen wir doch dies und jenes und dann entwickeln wir uns alle weiter und die Welt wird ein besserer Ort. Doch es gibt kein „one fits all“ des Lernens. Wir lernen Sprachen anders als Einstellungen, und Einstellungen anders als Fähigkeiten.

Und auch die lernt jeder noch einmal unterschiedlich und individuell, mit der eigenen Geschwindigkeit, dem eigenen Rhythmus und den eigenen Regeln. Denn jeder hat im Laufe des Lebens seine eigenen neuronalen Netzwerke gebildet, die sein Leben strukturieren und auch das Lernen und die Entwicklung bestimmen. (Ich glaube, allein diese simple neurowissenschaftliche Erkenntnis könnte unsere Schule revolutionieren.)

Und das macht das Lernen und die Entwicklung in unserer komplexen Welt so spannend. Die Wissenschaften entdecken neue Prinzipien und Regeln des Lernens und der Entwicklung, die uns neue Möglichkeiten aufzeigen. Und doch muss sie jeder individuell anwenden und anpassen. Es gibt Bedienungsanleitungen (generell und prinzipiell), die aber immer auf die Person und die Situation abgestimmt sein müssen. So bleibt das Leben als Coach immer spannend, immer abwechslungsreich und herausfordernd. Was für ein Glück!   

 

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Autor: Dr. Markus Ramming  Bild: Hand Foto erstellt von jcomp - de.freepik.com


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